ABC der Spielpraxis - Forum Spielpädagogik e.V.

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Wörterbuch der Spielpädagogik und Spielpraxis
Mit erprobten Tipps für eine kluge Spielleitung

Stichwortsammlung befindet sich online im Aufbau und wird laufend durch Beiträge der Mitglieder des FORUMs SPIELPÄDAGOGIK ergänzt und ausdifferenziert.


Allgemeine Spielpädagogik
Was ist Spielpädagogik überhaupt?

Spielpädagogik ist als selbständiges Spezialgebiet der Pädagogik erst etwa 50 Jahre alt. Aber schon immer und in allen Kulturen gab es Spiel. Und Menschen, die anderen, meist jüngeren, beigebracht haben wie man spielt. Und spätestens seit der Reformpädagogik der Weimarer Zeit gibt es eine Erziehung, die Spiel als wichtiges Erziehungsmittel methodisch einsetzt.
   Damit haben wir die zwei wichtigsten Anwendungsgebiete der Spielpädagogik genannt:
  1. Die Erziehung zum Spielen - also die Motivation dazu und die pädagogische Beeinflussung der Spieltätigkeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen;
  2. Die Erziehung mit und durch Spiel - also die Anwendung der Methode Spiel in organisierten Lernprozessen in Schule, Jugendarbeit, Familienerziehung, Weiterbildung.
Im einen Fall ist das Ziel, daß mehr und besser gespielt wird, und im anderen Fall ist das Ziel, daß besser gelernt wird (mit Hilfe von Spielen).
Warum überhaupt pädagogisches Handeln zum Spiel von Kindern notwendig ist, erläutert ein eigenes Stichwort hier. Die Orte, Anlässe und Gelegenheiten für spielpädagogisches Handeln werden hier in einer Mindmapgrafik aufgeführt.

Siehe auch Stichwort: Ziele der Spielpädagogik.
UB.

Aus- und Weiterbildung in der Spielpädagogik
Wie kann ich mich auf dem Gebiet der Spielpädagogik fortbilden?

Spielpädagogische Professionalität erwirbt man nicht an einem Wochenende, nicht mal in einem einzelnen Wochenkurs. Da wollen wir keine Illusion aufkommen lassen. Dazu sind viele begleitete Praxiserprobungen nötig und intensive Spielleitertrainings. Das Kennenlernen von aufregenden Spielen und ganz neuen Spielformen stellt eine gute Grundlage dar. Entscheidend für eine wirklich gute Praxis ist jedoch das Bewusstsein (und das Gefühl!) für die Bildungswirkung von Spielen in verschiedenen Gruppen. Und wie erlangt man dieses Bewusstsein, diese Ahnung, diese spielpädagogische Empathie? Eigentlich ziemlich einfach.

Erziehungswissenschaftliche und sozialpsychologische Forschung erklärt auf der kognitiven Verstehensebene den Wert von Spielen für die geistige, psychische, soziale und körperliche Entwicklung junger Menschen: eine verlässliche Wissensbasis. Leider existiert zwischen diesem Wissensstand im Kopf und dem alltäglichen pädagogischen Handeln oftmals eine grandiose Lücke. Für die niemand was kann. Aufgrund jahrelanger Weiterbildungspraxis empfehlen wir eine Methode zur Überbrückung dieses Abstands zwischen theoretischer Kenntnis und alltagspraktischem Handeln: Selbsterfahrung.

Selbsterfahrung - das ist kein Zauberwort, sondern ist so zu verstehen: Selber ein Spiel erarbeiten, erfinden und erproben. Das ist die Königsdisziplin für die eigene spielpädagogische Professionalität. Ein Brettspiel entwickeln. Eine Spielaktion konzipieren. Die spezielle Variante eines Spieleklassikers erfinden. Dabei ist die eigene Kreativität gefordert, dabei spekuliert man über die Wirkung des Spiels in Gruppen und die Erprobung konfrontiert unausweichlich mit der Realität. So entsteht spielpädagogische Empathie. So einfach und so schwierig und auch langwierig zugleich.

TIPP: Das FORUM SPIELPÄDAGOGIK e.V. unterstützt die Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften durch Publikationen, Fortbildungen, Ideenlabs, Beratung und Projekte. Wer davon profitieren oder sich daran beteiligen möchte, ist als Mitglied in diesem gemeinnützigen bundesweiten Verein herzlich willkommen.
UB.

Auftreten der Spielleitung
Von der Präsenz der Spielleitung kann der Spielerfolg abhängen

Eine animative Spielgestaltung ist wichtig, wozu nicht zuletzt ein entsprechendes Auftreten der Spielleitung gehört. Ich empfehle, mit einer fantasievollen Spielgeschichte das Spielgeschehen einzuleiten. Dafür vielleicht ein uriges Utensil (Kopfbedeckung, Verkleidung) benutzen oder sich einen fiktiven Namen ausdenken, um sich den Mitspielenden in einer besonderen Rolle zu präsentieren. Dadurch entsteht nicht nur ein Überraschungseffekt, sondern es fällt insbesondere Jugendlichen dann leichter, auch in eine Rolle zu schlüpfen und ihre Alltagsidentität für die Spielmomente beiseite zu schieben. Dadurch können sie dann leichter auf einer nicht-ernsten Ebene mit den Mitspielern und der Spielleitung kommunizieren und interagieren.

TIPP: Selbstsicheres Auftreten bei der Spieleingabe
Die eigene Spielfreude am Spielen sollte den Mitspielenden spürbar vermittelt werden. Sofern es das Spiel erlaubt, mitspielen. Das fördert die Motivation der Teilnehmenden zum Mitmachen (erste Unsicherheiten werden überwunden).
Flexibilität und Lockerheit beim Ablauf der Spieleinheit bewahren (z.B. nicht starr auf die geplante und vorbereitete Abfolge der Spiele beharren, wenn die Gruppensituation etwas anderes verlangt).
RB
Elternarbeit zum Thema Spielen
10 Hinweise für Eltern, wie sie das Spiel ihrer Kinder fördern können

   1. Kinder lernen im Spiel den Umgang mit Sachen und Menschen, sie entwickeln dabei ihre Persönlichkeit. Darum ist Spiel für Kinder lebensnotwendig. Kein Spiel ist für Kinder nur unnützer Zeitvertreib. Spielen ist zugleich lernen, üben, wiederholen, begreifen – und das mit Spaß und großer Motivation. Das müssen Eltern wissen und würdigen.
   2. Eltern können das Spiel ihrer Kinder unterstützen, indem sie den Kindern viel Zeit zum Spielen lassen, indem sie den Kindern genügend Platz und Material zum Spielen zur Verfügung stellen.
   3. Eltern sollten möglichst viel und möglichst oft mit ihren Kindern zusammen spielen, weil sie die Spielaktivitäten ihrer Kinder dadurch als wichtig anerkennen. Erwachsene bringen auch andere Ideen und Herausforderungen ins Spiel als gleichaltrige Spielkameraden.
   4. Die Empfehlung, dass die Eltern mitspielen, gilt in besonderem Maße für die Väter, weil sie in vielen Familien seltener zuhause sind und die Kindererziehung oft immer noch als Angelegenheit der Mutter betrachten. Väter bringen aufgrund anderer Interessen auch zusätzliche Anregungen ins Spiel und sind auch besonders wichtig als Rollenvorbilder für Jungen.
   5. Eltern fördern ihre Kinder auch, wenn sie den Alltag mit den Kindern spielerisch verbringen und auf die Einfälle ihrer Kinder eingehen, z.B. bei einem spontanen Rollenspiel mitmachen oder die Kinder mit Alltagsgegenständen spielen lassen, die eigentlich nicht für das Spielen gedacht sind. Hier sind natürlich keine Sachen gemeint, mit denen sich die Kinder verletzen können, die zu kompliziert oder zu wertvoll sind.
   6. Welche Brett- und Computerspiele sind gut und sinnvoll? Nutzen Sie Spieltests von Stiftung Warentest. Sie können sich auch auf den jährlich verliehenen Preis „Spiel des Jahres“ verlassen – eine unabhängige Jury stellt gute Brettspiele vor!
   7. Für das Spielmaterial gilt: Kaufen oder schenken Sie nicht zu viel. Liebe und Zeit sind für Kinder wichtiger als Spielzeuggeschenke! Fallen Sie (oder ihr Kind) nicht auf Modespielzeug und bunte Werbung herein. Orientierung gibt die Kennzeichnung von Spielzeug mit dem orange-farbigen „spiel gut“-Punkt.
   8. Fragen Sie ihre Kinder, wie sie ein Spiel finden und seien Sie dann nicht mit den Antworten „cool“ oder „Scheiße“ zufrieden, sondern fragen Sie nach: Warum? Was ist daran so und so? Zeig es mir mal…
Dadurch macht sich das Kind mehr Gedanken über das Spiel, übt seine präzise sprachliche Ausdrucksweise, lernt genau zu beurteilen.
   9. Wenn Spielaktionen von Jugendverbänden oder im Jugendzentrum angeboten werden: Schicken Sie ihre Kinder dahin! Dort bieten spielpädagogisch ausgebildete Fachkräfte Gruppenspiele an, die den Kindern die Integration erleichtern, die zusätzlichen Spaß verschaffen, den die Kinder sich alleine zuhause nicht organisieren können. Sie lernen da andere Kinder und neue Spiele kennen.
   10. Besuchen Sie zusammen mit ihren Kindern außergewöhnliche Spielorte: In vielen Städten gibt es z.B. Kinder- oder Familienmuseen, Hochseilgärten, Zoologische Gärten und Betriebe mit einem „Tag der Offenen Tür“, in denen für Kinder Spielaktionen und Rallyes angeboten werden.

UB
Gruppenaufteilung
Was ist bei der Aufteilung in mehrere Spielgruppen zu beachten?

Bei Spielen, für die eine Aufteilung in kleine Gruppen erforderlich ist, sollte auf eine faire Gruppeneinteilung geachtet werden, damit sich nicht immer „Dieselben“ zu einer Gruppe zusammenschließen. Es geht schnell die Spielfreude verloren, wenn sich immer die Starken gegen die Schwächeren zusammentun oder die, die das Spiel schon kennen, gegen die Neuen.
Verschiedene Möglichkeiten der Gruppeneinteilung: Man kann schlicht Durchzählen oder das Los entscheiden lassen. Oder nutzt verschiedene Kriterien, anhand derer sich die Gruppen bilden. Als Beispiel: Alt gegen Jung, Jungs gegen Mädchen, alle in Jeans oder mit roter Kleidung gegen die anderen – bei solchen Kriterien ist auf die Chancengleichheit zu achten! Haben die so entstandenen Gruppen beispielsweise wegen der körperlichen Unterschiede nicht die gleichen Chancen, sollte über die Gruppenzusammensetzung besser der Zufall entscheiden (z.B. mit einem Losentscheid).
Für die Entscheidung durch das Los gibt es viele Möglichkeiten. Je nach Anzahl in der Gruppe kann man Partner suchen lassen. Bei Zweiergruppen mit Hilfe von Karten eines Memory-Spiels oder bei Mehreren in entsprechend viele Teile geschnittene Postkarten. Oder mit Hilfe von verschiedenen farbigen Gegenständen (Gummibärchen, Murmeln, Wäscheklammern,…).
Vorab sollte bedacht werden, wie viele Mitspieler anwesend sind und ob sich die Gruppe so aufteilen lässt. Und: Will man als Spielleiter mitspielen oder nicht? So kann man als Spielleiter gegebenenfalls aber auch eine ungerade Spielerzahl ausgleichen.
TIPP: Für den Fall, dass nicht alle mit ihrer Gruppe einverstanden sind, kann man versuchen in einem Gespräch zu vermitteln, dass das gemeinsame Spiel wichtiger ist als zu siegen.  
MK.
Orte für spielpädagogisches Handeln
Wo findet überall spielpädagogische Arbeit statt?

(C) U.Baer, Köln, 2019 [Grüne Kästchen: Hier hat Spiel nach meiner Einschätzung eine besonders große Bedeutung.]

Spiel findet in unvermutet vielen pädagogischen Feldern statt und wird von Fachkräften gefördert, angeleitet und betreut. Ob tagtäglich in jedem Kindergarten, ob nachmittags im offenen Ganztag der Grundschulen oder in den Gruppenstunden der Jugendverbände - Spiel findet statt. Und besitzt eine massenhafte Wirksamkeit. Im Spiel probieren Millionen Kinder Tag für Tag neue Dinge aus, entdecken erstaunliche Materialeigenschaften, kopieren gemeinsam Rollen und Handlungen ihrer erwachsenen Umwelt. Was sie dabei lernen, was sich in ihnen dabei bildet, das hängt vor allem davon ab, wie und womit sie spielen, zu welchen Spielen sie angeregt werden und wie die Fachkräfte auf sie einwirken.
TIPP: Im Heft 1/2019 der Zeitschrift "gruppe & spiel" (Friedrich-Verlag) stellen zahlreiche Mitglieder des FORUMs SPIELPÄDAGOGIK ihre spielpädagogische Tätigkeit vor und beschreiben deren Wirkung.
UB.
Pädagogisches Handeln und das Spiel der Kinder
Warum muss das Spiel von Kindern durch pädagogisches Handeln gefördert werden?

Spielpädagogisches Handeln besteht ja bekanntlich aus zwei Dingen: das Spiel der Kinder und Jugendlichen wird durch pädagogisch ausgewählte Spielanregungen besonders gefördert und zweitens werden den Kindern Gelegenheiten, Räume und Materialien für ihr Spiel bereit gestellt. Also die Spielförderung durch Spielpädagogen besteht aus angeleiteten Spielaktionen und aus der Organisation von Spielmöglichkeiten: Spielleitung und Lobbyarbeit für's Spiel.
Warum sind diese Tätigkeiten von spielpädagogischen Fachkräften überhaupt nötig und sinnvoll? Können die Pädagogen die Kinder nicht einfach in Ruhe spielen lassen? Die spielen doch schließlich sowieso, egal ob es Pädagogen gibt oder nicht. Warum nicht mit dem Spiel zufrieden sein, dass die Kinder „von sich aus“ machen? Warum ist es gut und richtig, das Spiel der Kinder mit pädagogischen Zielen und Mitteln zu beeinflussen?
Weil ein gefördertes Spiel die Kinder herausfordert, ihnen spannende Aufgaben gibt. Durch die Bewältigung dieser Spielherausforderungen erwerben sie neue Fähigkeiten und üben ihre bereits erworbenen. Sie lernen im lustvollen Spiel kreative Anpassungen zwischen ihren Bedürfnissen und den von der Gesellschaft zur Verfügung gestellten Bedingungen. Pädagogische Fachkräfte fördern und lenken diese täglichen Herausforderungen so, dass die Kinder nicht resignieren, nicht vorzeitig aufgeben und steuern die körperlichen, geistigen, psychischen und sozialen Aufgaben im Spiel so, dass sie für die Kinder spannend, also motivierend, riskant, anstrengend, aber letztlich bewältigbar bleiben.
Das pädagogische Einwirken auf das Spiel der Kinder schafft und sichert Spielmöglichkeiten und professionalisiert damit ihr Hineinwachsen in diese Gesellschaft, erweitert ihre Möglichkeiten sich zu bilden und ihre Persönlichkeiten zu entwickeln.
Wenn es die spielpädagogisch ausgebildeten Fachkräfte nicht gäbe, überließe man diese Bildung durch gefördertes und angeleitetes Spiel im wesentlichen den Angeboten der Freizeitindustrie und den kommerziellen Medien.

TIPP: Darum geht es in der Spielpädagogik: Die Wirksamkeit des Spiels zu kennen, am besten an sich selbst erlebt zu haben und dann ganz leicht und einfach im Alltag nutzen zu können. Das ist Professionalität. Da zeigt sich pädagogisches Können. Das beste spielpädagogische Training ist das eigene Ausprobieren vieler Spiele, die Reflexion darüber und das Erfinden von Spielvarianten und neuen Regeln.

Siehe auch Stichwort: Ziele.
UB.
Planungsaspekte für Spielaktionen
Einige Gesichtspunkte, die zu berücksichtigen sind

  • Spielleitung (Wer übernimmt die Spielleitung? Welche Rolle/n nimmt sie ein: z.B. Erklärer, Animateur, Anleiter, Mitspieler?)
  • Gruppengröße für die Spielaktion (Mindestzahl, maximale Zahl, wird für manche Spiele eine Aufteilung benötigt?)
  • Alter der Teilnehmer (bestimmte Altersstufe, alle Altersstufen?)
  • Umgang mit Störungen (Was könnte passieren und wie gehe ich damit um? Welche Lösungen habe ich vorbereitet?)
  • Ankündigung oder spontanes Spielen - z.B. im Rahmen einer Ferienaktion oder eines Familienfestes?
  • Spielort (geeignet?, frei?, ungestört?)
  • Vorbereitung (Material, Raum und Ort, ggf. Musik)
  • Klarheit der Spielregeln (für alle Mitspielenden klar und deutlich erklärt, kurz und knapp durch die Spielleitung, die sich vergewissern sollte, ob alle alles verstanden haben)
BBW
Sinn des Spiels
Soziale und psychische Bedeutung der Spieltätigkeit
Warum ist Spielen sinnvoll?

Für das Spiel wird von vielen Wissenschaftlern das "Zweckfreiheit" betont. Das mag für das subjektive Erleben der Spielenden so sein. Aber Sinn muss die Tätigkeit Spielen für den Einzelnen schon machen, sonst würde diese Tätigkeit nicht so oft und so gerne ausgeübt werden. Und Spiel muss auch Sinn für die Gesellschaft machen, und zwar einen positiven, sonst würde man Spiel verbieten, einschränken oder zumindest nicht fördern.
Die folgenden fünf Bedeutungen des Spiels erscheinen uns als die wichtigsten sinngebenden Bewertungen durch die Spielenden und durch die Gesellschaft gleichermaßen:

  • Sinn macht das Spiel als wesentliche Form der Weltaneignung - vor allem für Kinder
  • Sinn macht das Spiel als unterhaltsamer Zeitvertreib - vor allem für Jugendliche und Erwachsene
  • Sinn macht das Spiel als weitgehend gefahrlose Form für das Messen eigener Kräfte und Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen Menschen
  • Sinn macht das Spiel auch als experimentelle Gestaltungsweise zum Erproben von Möglichkeiten
  • Sinn macht das Spiel für einige Menschen auch als Ersatzhandlung für Aktivitäten, die im realen Leben nicht erlaubt oder sogar unmöglich sind

Eine Aufgabe in einer pädagogischen Aus- oder Fortbildung kann es sein, für jede dieser fünf Bedeutungen Spielbeispiele und Spielsituationen zu benennen und zu beschreiben.
UB
Spannungsbogen, Spieldramaturgie
Wie ist eine spannungsreiche Spielaktion aufgebaut?

Der Begriff Spannungsbogen wird häufig bei der Analyse und Rezension von Literatur, Filmen und Theaterstücken verwendet, seine Beachtung kann aber auch nützlich für die erfolgreiche Inszenierung einer Spielaktion sein.
Die zentrale spielpädagogische Frage zum Spannungsbogen lautet: „Wie inszeniere ich eine Spieleeinheit so, dass sie die Interessen und Motivationen der Teilnehmer mit zu agieren weckt und ihr aktives Engagement bis zum Ende aufrecht erhält?“
Der typische Spanungsbogenverlauf  lässt die Spannung auf einen Höhepunkt langsam zusteuern, gefolgt von einem Abklingen und endet mit einem deutlichen Schlusspunkt.

Im Spielkontext - egal ob bei einem Brettspielabend mit Freunden, einer Spielaktion mit Kindern oder anderen Teilnehmern - kann der Spannungsbogen so beschrieben werden:
Der Anfang (oder sogar schon die Ankündigung und Einladung) ist für ein interessiertes und gespanntes Mitmachen entscheidend.
TIPP: Eine gespannte Erwartungshaltung kann z.B. durch eine bereits in der Einladung angekündigte Überraschung hervorgerufen werden. Die Anfangsspannung kann auch erzeugt werden mit einem Rätsel, mit der Bezeichnung der Spieler als „Detektive“ oder „Forscher“ oder durch eine Aufforderung zur Problemlösung (wie in Kistners Kooperativen Abenteuerspielen).
Ein Spannungsmoment besteht für MitspielerInnen am Anfang auch darin, mit wem man in einer Kleingruppe zusammen spielt, wenn eine Gruppenaufteilung erfolgt.
Aufrecht erhalten wird die Spannung im weiteren Spielverlauf vor allem durch abwechslungsreiche, nicht unbedingt gradlinig verlaufende Handlungen und überraschendes Verhalten von Spielteilnehmenden.
Bei vielen Brett- und anderen auf Wettkampf beruhenden Spielen wird die Spannung gesteigert, je stärker sich die Agierenden dem Spielziel nähern und je weniger ein klarer Gewinner von vorne herein feststeht.
Der Spannungshöhepunkt entsteht bei den meisten Spielen durch die Problemlösung bzw. Erreichung des Spielziels. Bei einer Spielaktion kann auch eine gemeinsame oder gruppenweise Vorführung bzw. Präsentation den Höhepunkt bilden.
TIPP: Bei einer solchen Darstellung von Gruppenergebnissen ist eine geschickte Reihenfolge wichtig, damit beispielsweise die Präsentation einer eher uninteressanten Gestaltung am Schluss nicht die gute Dramaturgie des Aktionshöhepunkts zunichte macht.
Nach dem Höhepunkt kann es noch Spiele zum ruhigen Abklingen der gesamten Aktion geben, bevor beispielsweise ein gemeinsamer Kreistanz oder ein Aufräumspiel ein klares Ende definieren.
ALW.

Störung im Spielablauf
Was tun, wenn jemand nicht mitspielen will? Und ähnliche Probleme.

Um mit einer Störung des Spiels durch Anwesende im Spiel angemessen umzugehen, bedarf es neben einer konsequenten Haltung und einer eindeutigen Präsenz in der Rolle der Spielleitung eines guten Maßes an Einfühlungsvermögen in die Situation, in die möglichen Motive der Störungsauslösenden und in die Meinung der Teilnehmermehrheit.
Häufig wollen „Störenfriede“ Grenzen austesten, verlangen für sich Aufmerksamkeit und konkurrieren mit der Spielleitung, möchten gerne selber die Regie übernehmen.
Und Vorsicht: Ob eine Situation als Störung empfunden wird, hängt oft davon ab, wie viel Verständnis und Aufmerksamkeit die Gruppen- bzw. Spielleitung dem oder den vermeidlichen Störenfried(en) entgegen bringt. Mit Geduld und Fingerspitzengefühl können Mitspielende oft wieder ins Spielgeschehen integriert werden.

Einige Tipps aus der Praxis für die Spielleitung, die helfen können:

1. Bei einem Spiel, das Sie für die Gruppe ausgesucht haben, nicht mit Mitspielenden darüber diskutieren, ob ein anderes Spiel gespielt werden kann, nur weil ein oder zwei MitspielerInnen etwas anders spielen wollen.

2. Wird nach einem Aufteilungsspiel in Paaren gespielt, so sollte die entstandene Paarung beibehalten werden, auch wenn jemand nicht mit der betreffenden Person gemeinsam spielen möchte. Es könnte eine „Kettenreaktion“ dadurch ausgelöst werden, wenn die Erlaubnis erteilt wird, tauschen zu dürfen. Dann lieber kein Aufteilungsspiel machen, damit sich Paare „freiwillig“ finden können.

3. Immer im Focus haben, ob eine Störung bewusst provoziert wird, oder ob das Spiel vielleicht nicht verstanden worden ist, wenn es immer wieder zu Nachfragen kommt, die „nerven“ und den Spielfluss unterbrechen.

4. Kommt es zu Desinteresse während des Spiels, kann es zu provozierendem und störendem Spielverhalten kommen. Vielleicht ist es zu diesem Zeitpunkt nur das „falsche“ Spiel am „falschen“ Platz. Beenden Sie das Spiel „unauffällig“ und bieten Sie eine neue Spielidee an.

5. Es ist immer wichtig im Spielprozess darauf zu achten, wer mir bei einer auftretenden „Störung“ wichtig ist.
Ist es die Gruppe, so kann ich einer Person, die nicht mitspielen möchte, mit gutem Gewissen erlauben, aus dem Spielgeschehen auszusteigen. Damit kann das Spiel ohne große Unterbrechung fortgesetzt werden (vielleicht beteiligt sich die ausgestiegene Person aus Langeweile schon bald wieder am Spielgeschehen).
Ist mir die Einzelperson wichtig, die das Spiel nicht verstanden hat oder dem Spiel nicht so schnell folgen kann, dann ist die gesamte Gruppe gefordert, Rücksicht zu nehmen, damit auch diese Person integriert wird.
RB.

Umgang mit Spielregeln
Gruppenpädagogische Hinweise

Spielregeln bestimmen neben der Gruppenzusammensetzung und dem Spielleiterverhalten sehr stark den Ablauf eines Spiels und seine Wirkung. Die Regeln sollten leicht verständlich kommunizierbar sein. Zu komplizierte Spielregeln hemmen das Spiel und führen zu Durcheinander oder Unsicherheit bei den Spielern. Deshalb sollte man bei der Spielauswahl auch die Regeln durchdenken und überlegen, welche Probleme auftreten können. Spielvariationen können Situationen retten, wenn man merkt, dass etwas nicht funktioniert. Aber auch diese müssen dann klar und deutlich kommuniziert werden. Möglichst wenige und eindeutige Regeln geben allen Beteiligten Sicherheit und lassen dadurch auch Platz für Freiräume und Varianten. Am Besten fragt man vor dem Spiel die Regeln noch einmal ab bzw. fragt, ob noch etwas unklar ist.
TIPP: Bei Verständnisschwierigkeiten und zu komplexen Regeln kann es helfen, die Erläuterung der Regeln in Spielabschnitte aufzuteilen oder sie nicht nur sprachlich, sondern mit einem Probespiel oder einer kleinen Vorführung zu erklären.
Die Regeln, die zu Beginn vereinbart wurden, müssen dann auch von allen beachtet werden, da sich sonst schnell Ungerechtigkeiten entwickeln können. Die Spielleitung ist für die Streitschlichtung bei Regelverstößen zuständig.
MK.
Wirkung von Spielen in der Gruppe
Was ist spielpädagogische Empathie?

Es gibt immer wieder Situationen im pädagogischen Alltag, in denen professionelle Entscheidungen zu treffen sind. Bei der Planung von Projekten, bei bestimmten Fördermaßnahmen und sogar bei der Gestaltung von Festen und Feiern. Und da kommt es dann auch auf spielpädagogische Grundkenntnisse an. Welche Spiele sich für welche Gruppen als besonders sinnvoll erweisen. Nicht nur die Frage, welche Spiele Spaß machen und gut ankommen, sondern welche besonders nützlich und wertvoll sind - welche Spiele, Aktionen und Projekte besonders bildungsfördernd für die jeweilige Zielgruppe sind. Welche Spielaktionen eine spannende Herausforderung für die Gruppe darstellen.

Als spielpädagogisch ausgebildete Fachkraft kann man klug auf die Bedürfnisse einer Gruppe reagieren und weiß, mit welchen Spielen man welche Verhaltensweisen und Einstellungen unterstützt. Als praxiserprobte Fachkraft weiß man auch, dass Spiele alleine keine Wunder bewirken. Aber dass sie wirken, weiß man auch. Auf Dauer. Und zusammen mit vielen anderen ergänzenden pädagogischen Aktivitäten. Die Erlebnisse im Spiel können Erfahrungen in anderen Lebensbereichen (Schule, Medien/Internet, Konsum, Reisen...) verstärken oder konterkarieren oder sogar beides.
Darum geht es in der Spielpädagogik: Diese Wirksamkeit des Spiels zu kennen, am besten an sich selbst erlebt zu haben und dann ganz leicht und einfach im Alltag nutzen zu können. Das ist spielpädagogische Professionalität.

TIPP: In einer langen, berufsbegleitenden Qualifizierung kann diese spielpädagogische Professionalität erworben werden. Über mehrere Jahrzehnte ist an der Akademie Remscheid (heute: Akademie der Kulturellen Bildung) ein Aus- und Weiterbildungssystem entwickelt und angeboten worden. Im personell neu aufgestellten Fachbereich Spiel der Akademie werden derzeit neue Fortbildungskonzepte erprobt: www.kulturellebildung.de.

Um welche Wirkung von Spielen es in unserer Gesellschaft vor allem geht, steht unter diesem Stichwort: Ziele.
UB.
Ziele der Spielpädagogik
Mit welchen pädagogischen Zielen wollen wir das Spiel fördern?

Sozialpädagogische und schulische Fachkräfte unterstützen auf vielfältige Weise das Spiel von Kindern und Jugendlichen und setzen Spiele auch in der Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit ein. Spielaktionen werden durchgeführt, Spielmaterialien zur Verfügung gestellt und Spielgelegenheiten organisiert.
Was ist dafür der Grund, welche gesellschaftlichen Ziele stecken dahinter?
Spiel macht den Zielgruppen jeden Alters Spaß, bringt ihnen Abwechslung, Kommunikation, Unterhaltung. Die Spielenden sind in der von ihnen erfundenen oder akzeptierten "Als-ob-Realität" alleine oder gemeinsam tätig. Das bedeutet - spielsoziologisch betrachtet: Die spielenden Menschen sind mit einer Tätigkeit befasst, die im Allgemeinen die Gesellschaft nicht schädigt, sie vertreiben sich für die Realität überwiegend folgenlos die Zeit. Sollte es allerdings zu Unfällen, Gesundheitsschäden, Suchtverhalten oder offensichtlichen Einflüssen auf die Gewaltbereitschaft durch Spielzeug und Spiele kommen, greift die Gesellschaft mit Information, Erziehung und Sanktionierung bis hin zu Spielverboten ein.
Spiel besitzt neben dieser Funktion als überwiegend harmlose Freizeitbeschäftigung jedoch auch einen gruppendynamischen und individuellen Bildungswert.
Diese Bildungswirkung unterstützt eine professionelle Spielpädagogik. Aus welchen gesellschaftlichen Gründen?
Damit Kinder und Jugendliche im fiktionalen Spiel vielfältige, optionsreiche Verhaltensweisen kennenlernen und üben können. Denn dadurch vermittelt sich im Spiel jungen Menschen der kulturelle Reichtum einer Gesellschaft. Und diese Vermittlung geschieht nicht nur mittels Wissensaufnahme, sondern durch (wenn auch fiktionale) Handlungen, die mit Wertvorstellungen und Emotionen einhergehen. Auf diese Weise sind Spiele Bausteine in der Persönlichkeitsentwicklung der Spielenden.
Eine humanistisch orientierte Spielpädagogik ist darum bemüht, dass im Spiel jene Kompetenzen gefördert werden, die für die Verwirklichung einer möglichst selbstbestimmten, prosozialen Lebensgestaltung nötig sind.

Siehe auch Stichwort: Pädagogisches Handeln.
UB.
Quellen der Texte zu den einzelnen Stichwörtern
  • Zeitschrift "gruppe & spiel": Heftschwerpunkt in der Ausgabe 5+6/2007. Friedrich Verlag, Seelze 2007
  • Mitglieder des Forums haben Stichwörter exklusiv für diese Website verfasst.
  • Ulrich Baer: Spielpraxis. Eine Einführung in die Spielpädagogik. Seelze 1995 (vergriffen)

Redaktion: Ulrich Baer, Köln

(Stichwortliste wird fortgesetzt)
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